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Ich halte mich für einen Mann, der anderen Menschen so lange mit Toleranz begegnet, bis sie sich als nicht vertrauenswürdig erweisen; vielleicht ist das ein Fehler. Doch wenn mir eine Aufgabe gestellt worden ist, bin ich intolerant, zuweilen grausam, bis die Aufgabe erfüllt ist. Ich sorgte dafür, daß die Piraten Blut und Wasser schwitzten, wenn es darum ging, an den Varters und Katapulten zu üben. Ich habe schon an anderer Stelle geschildert, was ich von Geschützmannschaften halte – Disziplin und Tüchtigkeit sind die einzigen Maximen, Eifer, Gehorsam, Arbeitswilligkeit weitere wichtige Gesichtspunkte.

Wenn ich mit einer Gruppe fertig war – so widerspenstig und talentlos die Männer zu Beginn gewesen sein mochten –, hatte Viridia eine Vartermannschaft, die geschickt und begeistert bei der Sache war, wie man es nur bei den besten Freiwilligenmannschaften findet.

Wie es sich ergab, hatte ich nicht genug Zeit, um Viridias Meeresleems zu richtigen Kanonieren auszubilden – wenn Sie mir diesen Ausdruck verzeihen. Wir stießen eines Tages auf eins der seltsamen Schiffe aus dem südlichen Ozean, über die niemand Näheres weiß. Wir kämpften mit dem Schiff, und nur ein Unwetter rettete uns vor dem Untergang. Wir ließen uns von dem Sturm treiben, und als wir wieder Segel setzen konnten, war der Südländer verschwunden. Ich werde später noch mehr von diesen schrecklichen Schiffen zu berichten haben.

Die Tage vergingen, und Valka und ich arbeiteten mit den Vartermannschaften. Wir zogen von einem Schiff Viridias zum nächsten, und wenn ich an Bord eines Schiffes zurückkehrte, auf dem wir schon gewesen waren, und dabei feststellte, daß die Calsanys alles wieder vergessen hatten, setzte es Tritte und gab es Veilchen. Ich war nicht sehr beliebt. Doch Valka sagte, die Männer respektierten mich trotzdem, denn sie begriffen meine Absicht.

»Sie wissen, wie gefährlich das Rammen und Entern ist. Wenn du einen Argenter zwingen kannst, sich zu ergeben, ohne daß die Piraten ihr Leben riskieren müssen, sind sie dir sehr dankbar.«

Valka war mir in dieser Zeit wirklich eine große Hilfe.

Und hauptsächlich mit seiner Hilfe suchte ich mir aus verschiedenen Mannschaften eine ausgezeichnete kleine Gruppe – Menschen und Halblinge – zusammen, die nicht nur mit Varters umgehen konnte, sondern mir – nach Valkas Ansicht – Respekt und Loyalität entgegenbrachte. Natürlich wußte ich um die Gefahren und ging entsprechend vorsichtig mit den Männern um. Es ging mir darum, sie zu einer Mannschaft zusammenzuschmieden, mir ein Schiff zu besorgen und dann davonzusegeln.

Das Problem lag in der Frage, wohin ich mich wenden sollte.

Nach Tomboram? – Oder nach Vallia?

Meine Verpflichtung gegenüber Tilda und Pando betrachtete ich als erledigt, so daß ich durchaus nach Vallia fahren konnte. Dort würde mir Valka als Vallianer eine unschätzbare Hilfe sein.

Im Grunde bin ich ein Einzelgänger. Ich arbeite gern allein. Gleichzeitig bin ich mir einer seltsamen Macht bewußt – Wie soll ich sie nennen? –, Anziehungskraft? Wie auch immer, es ist die unheimliche Fähigkeit, die Loyalität und Ergebenheit anderer Männer auf mich zu ziehen. Ich lege es nicht darauf an, und nicht selten bringt mich dieses Talent sogar in Verlegenheit. Ich spüre, daß sich Männer mir zuwenden und auf meine Entscheidung warten. Vielleicht läßt sich dies aus der Tatsache erklären, daß ich einen Mitmenschen nie im Stich lasse, wenn es irgend möglich ist. Aber das kann nur ein Teil der Erklärung sein.

Dieses Charisma bringt natürlich auch Gefahren. Wenn Viridia oder einer ihrer Adjutanten erfuhr, daß eine Gruppe Männer zu mir aufsah, würden sie sofort an eine Meuterei denken, und die Klinge eines Meuchelmörders würde sich rot färben. Ich mußte meine Pläne also sehr vorsichtig in die Tat umsetzen.

Sie halten mich wahrscheinlich für einen heißblütigen Barbarenkrieger, der sich ohne nachzudenken in den Kampf stürzt – doch das ist ein Irrtum. Der Offizier eines 74-Kanonen-Schiffs hört nie auf zu denken und zu planen, weder auf Freiwache, noch im Kampfgetümmel, das dürfen Sie mir glauben.

Meine Angewohnheit des Vorausdenkens, die während meiner Nachtwachen dazu führte, daß ich mir jede mögliche Katastrophe ausmalte und meine Reaktion darauf festlegte – diese natürliche Vorsicht hat sicher auch zu meiner Entscheidung geführt, keinen Versuch zu machen, die Viridia Jikai in meine Gewalt zu bringen. Das Flaggschiff war von den sechs Schwertschiffen umringt. Selbst wenn ich die Piratenanführerin in meine Gewalt brachte und sie zu töten drohte, mochten die Kapitäne der anderen Schwertschiffe, Viridias Leutnants, angreifen.

Eines schönen Morgens machten wir am östlichen Horizont ein Segel aus und begannen das Schiff zu jagen. Wir holten mit einer Geschwindigkeit auf, die mich auf den Gedanken brachte, daß der Fremde ungewöhnlich langsam war. Seine Segelform war mir fremd. Das Schiff nahm Tempo auf und versuchte immer wieder nach Westen auszubrechen und die Inseln zu erreichen.

Valka kam zu mir auf die vordere Steuerbord-Varterplattform und starrte über die unruhige See. Das Wetter war gut, die kräftige Brise angenehm kühl.

»Was hältst du davon, Valka?«

Er sah mich überrascht an. Ich hatte ihm sehr wenig von mir erzählt, und auch er war nicht sehr redselig gewesen; unsere Freundschaft, so zerbrechlich sie war, gründete sich einzig und allein auf unsere gemeinsame Sklaverei und unsere Stellung als Varteristen.

»Erkennst du das Schiff nicht, Dray?«

Unvorsichtigerweise sagte ich: »Müßte ich das? Zwei Masten, viereckige Segel, Bugspriet. Sieht ein wenig plump aus. Heck hoch, aber schmal. Ich würde wahrscheinlich die Masten anders setzen, wenn ich den Kahn über größere Strecken segeln müßte.«

»Das Schiff kommt aus Zenicce.«

»Oh«, sagte ich und schwieg.

Zenicce! Die große Enklavenstadt mit der Millionenbevölkerung, durchzogen von Kanälen und Boulevards, die Stadt, in der Delia und ich versklavt gewesen waren, in der Prinzessin Natema in glücklicher Ehe mit Prinz Varden lebte! Die Stadt, in der ich Gloag kennengelernt hatte, der zwar kein Mensch, dafür aber um so menschlicher gewesen war. In dieser Stadt hatte ich in den schwarzen Marmorbrüchen geschuftet. In dieser Stadt wunderte sich meine mächtige Strombor-Enklave wahrscheinlich, was aus ihrem Lord geworden war. Ich hoffte, daß Großtante Shusha – die nicht meine Großtante war – die Geschicke des Hauses für mich lenkte, wie es ihr zustand.

Dann erkannte ich das Banner.

Purpur und ockerfarben schimmerte es im Licht der Doppelsonne.

»Ponthieu«, sagte ich. »Das Schiff gehört zum Haus Ponthieu!«

Nun, Prinz Pracek von Ponthieu hatte meine Delia zum Altar führen wollen – doch im letzten Augenblick waren seine Pläne vereitelt worden. Ponthieu war eine Enklave, die sich mit den Feinden Strombors verbündet hatte. Also ...

»Woher weißt du das, Dray?« fragte Valka überrascht. »Du mußt in Zenicce gewesen sein, wenn du die Zeichen der einzelnen Häuser kennst ...«

»O nein, Valka. Jeder See-Leem kennt die Farben seiner Opfer.«

»Das stimmt. Trotzdem ist es seltsam. Für mich sehen alle zeniccischen Flaggen gleich aus.«

Valka hatte also doch nicht alles über mich erfahren, als ich an Bord der alten Nemo gebracht wurde.

Wir eroberten das Schiff mühelos, das einen lustigen Namen hatte: Wasser-Zorca. In Wirklichkeit war es eine lahme Ente.

Es war im Klinkerstil gebaut, während Ruderer, Schwertschiffe und Argenter Kraweelschiffe waren. Dies gab mir zu denken.

Am gleichen Tag erreichten wir die Insel der Ruhe, unseren Piratenstützpunkt. Wir hatten eine erfolgreiche Reise hinter uns, und die Männer freuten sich auf ein bißchen Zerstreuung. Viridia wollte mit einem anderen Piratenkapitän über ein neues Schwertschiff verhandeln, das die gesunkene Venus ersetzen sollte. Die Insel, deren Bucht durch eine unauffällige Insel verdeckt wurde und deren weißer Strand alle Fremden täuschte, war der Ausgangspunkt für unsere Piratenzüge gegen die Handelsschiffe dieser Gegend. Bis jetzt hatte kein Schwertschiff des Königs unseren Ankerplatz gefunden.

Die Piraten ergriffen die Chance und veranstalteten ein großes Fest.

Im Licht der Frau der Schleier unternahm ich einen Spaziergang über den weißen Strand. Ich war niedergeschlagen. Wie üblich trug ich meinen roten Lendenschurz und die Waffen. In dem warmen Klima genügte diese Kleidung völlig, selbst in der Nacht. Im rosa Schein der Monde – einer der kleineren Monde zog rasch über den Himmel – wanderte ich mit geneigtem Kopf dahin und dachte nach.

Strom Erclan hätte mich fast überrumpelt.

Er sprang hinter einem Felsbrocken hervor, und ich sah seinen Dolch aufblitzen. Im letzten Augenblick gelang es mir, sein Handgelenk zu packen, dann schob ich ihn von mir. Doch er versetzte mir einen Tritt in den Leib und sprang zurück, wobei er sein Rapier zog, als er erkannte, daß er um einen echten Kampf nicht herumkam.

Ich zog meine Waffe.

»Du stinkender Cramph!«

Strom war angeblich ein guter Kämpfer mit Rapier und Main-Gauche. Ich hatte ihn beim Entern beobachten können, und er war ein Mann ohne Angst. Ich nahm Kampfstellung ein und wartete ab, denn ich wollte ihn nicht töten – noch nicht.

»Du räudiger Rast! Du Offalhaufen!« brüllte er und belegte mich mit weiteren Schimpfworten, wobei er offenbar hoffte, daß ich die Beherrschung verlor.

Nach einer Weile sagte ich: »Du Kleesh! Du solltest jetzt lieber bescheiden verschwinden – oder du bist ein toter Mann.«

Ob seine frühere Erziehung den Ausschlag gab oder ob er nur eifersüchtig war, ist nicht von Bedeutung. Er stürzte sich mit beiden wirbelnden und zustoßenden Klingen zugleich auf mich. In seinem Angriff lag eine unbändige Wut.

Ich parierte, stoppte ihn, drehte mich zur Seite – doch er entwischte mir. Ein zweitesmal wollte er auf den Trick nicht hereinfallen. Ein echter Schwertkämpfer merkt sich solche Dinge – wenn nicht, lebt er nicht lange.

Unsere Klingen kreuzten sich und glitten klirrend aneinander entlang. Er sprang vor, ich drängte ihn zurück und stieß zu, er fing meine Klinge mit dem Dolch ab, hielt dagegen und zuckte vor, so daß ich sein Rapier meinerseits mit dem Dolch stoppen mußte. Einen Augenblick lang ragten die vier Stahlklingen in den rosa Mondschein, gefährlich schimmernd, tödlich und noch ohne Blut.

Schnell wie ein Leem zog er plötzlich seinen Dolch zurück und setzte zu einem tiefen Stich an. Ich taumelte zur Seite, fing mich und nahm sofort wieder Kampfstellung ein.

Er war gut – daran gab es keinen Zweifel. Ich dachte an Galna, mit dem ich im Korridor des Strombor-Palastes gekämpft hatte; ja, das war lange her, doch ich spüre noch heute den Aufprall von Stahl auf Stahl und höre das Klirren der Klingen, die zum tödlichen Duell gekreuzt werden.

Dann versuchte er eine komplizierte Passage durchzubringen, doch ich erwischte ihn; im rosa Mondlicht der Frau der Schleier brach Strom Erclan laut keuchend und mit in ungläubigem Staunen geweiteten Augen zusammen. Mein Rapier hatte sich in sein Herz gebohrt.

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